Fallbeispiel

Modellfall: Schnellschnitt-Logistik an einem Universitätsklinikum

Pathologisches Institut eines Universitätsklinikums, hohes Schnellschnitt-Aufkommen, mehrere OP-Säle in zwei Bauteilen. Modellfall – nicht aus echten Pilot-Daten.

Stand: 05. Mai 2026

Setting

  • Einrichtung: Pathologisches Institut eines Universitätsklinikums (Maximalversorger), Norddeutschland
  • Aufkommen: ca. 25 Schnellschnitte pro Tag, verteilt über 14 OP-Säle in zwei Bauteilen mit ca. 350 m Wegstrecke und einem Tunnel
  • Akkreditierung: DAkkS nach DIN EN ISO 15189
  • Anlass: wachsende Spannungen zwischen OP-Bereichen und Pathologie um Schnellschnitt-Zeiten

Ausgangslage

Operateure berichten zunehmend über lange Wartezeiten beim Schnellschnitt. Die Pathologie-Leitung verweist darauf, dass die Probe oft erst spät ankommt. Es gibt keine objektive Datenbasis: Niemand weiß, wann genau eine Probe den OP verlassen und wann sie in der Pathologie eingegangen ist.

Heutiger Workflow:

  • OP-Pfleger:in trägt das Gefäß persönlich oder über Rohrpost zur Pathologie
  • Pathologie quittiert per handschriftlichem Eingang
  • Befund-Telefon zurück in den OP
  • Eingangs-Zeitstempel auf dem Begleitschein, oft minutenscharf, aber nicht systematisch ausgewertet

Im Audit (DAkkS, ISO 15189) wird der Schnellschnitt-Workflow strukturell anerkannt. Aber:

„Die Eingangs-Median-Zeit ist nicht systematisch erfasst und kann daher nicht als KPI im QM-Bericht ausgewiesen werden."

Das ist ein milder Befund, aber bei wiederholtem Auftreten wird er zum Hinweis und perspektivisch zur Abweichung.

Pilot-Setup

Die Pathologie-Leitung initiiert einen Hemostat-Pilot in Abstimmung mit der OP-Koordination und dem QM-Beauftragten des Klinikums. Scope:

  • Bereich: Schnellschnitt-Strecke OP → Pathologie (alle 14 OP-Säle)
  • Beteiligte: OP-Koordinator:in, drei OP-Pfleger:innen aus zwei Bauteilen, Pathologie-Annahme (drei Personen im Schichtsystem), QM-Beauftragter
  • Laufzeit: 60 Tage
  • Erfolgskriterium: Eingangs-Median-Zeit messbar; Schwellwert 10 Minuten OP → Pathologie

Was sich operativ ändert

QR-Code an jedem OP-Saal-Ausgang. QR-Code an der Pathologie-Annahme. Einmal-Siegel am Schnellschnitt-Behälter.

Workflow:

  1. Operateur löst „Schnellschnitt anfordern" aus (per Tablet im OP)
  2. OP-Pfleger:in scannt beim Verlassen des OP den OP-Saal-QR-Code – Übergabe-Ereignis
  3. Probe wird per Hand oder Rohrpost zur Pathologie
  4. Pathologie scannt beim Eingang
  5. Befund per Telefon zurück; das Telefon-Ereignis wird optional erfasst

Daten nach 30 Tagen

Bauteil Eingangs-Median Eingangs-90er-Perzentil Anteil über 15 Min
Bauteil A (kurz) 6 Min 9 Min 4 %
Bauteil B (lang) 11 Min 18 Min 22 %

Erkenntnis: Bauteil A ist im Erwartungsbereich. Bauteil B ist signifikant langsamer; in 22 % der Fälle dauert die Übergabe länger als 15 Minuten.

Ursachenanalyse vor Ort: Aufzug zu Bauteil B ist häufig blockiert (Bett-Transporte). Die OP-Pflege muss warten oder umweggehen.

Was die Daten ermöglichen

  • Strukturentscheidung: Anschaffung eines Rohrpost-Anschlusses zwischen Bauteil B und Pathologie. Investition wird mit dem Datenmaterial begründet und bewilligt.
  • Audit-Doku: der Schnellschnitt-Workflow ist in beiden Bauteilen messbar dokumentiert. Die ISO-15189-Anforderung „dokumentierte Probentransport-Verfahren" ist sichtbar erfüllt.
  • Reibungsreduktion: Operateure und Pathologie reden mit Daten statt Vermutungen. Die Spannungen sind nicht weg, aber sie sind verhandelbar.

Auditor-Perspektive (modelliert)

„Schnellschnitt-Übergabezeiten werden systematisch erfasst und im QM-Report ausgewertet. Eine Schwachstelle (Bauteil B) wurde proaktiv identifiziert und mit konkreter Maßnahme adressiert. Vorbildlich umgesetzte ISO-15189-Anforderung."

Ehrliche Lessons

  • Rohrpost-Daten sind nicht trivial integrierbar. Bei Rohrpost-Transport entsteht der Scan an der Aufgabe und am Empfang; der „Transit" dazwischen bleibt blackbox. Das ist okay – die Übergabe-Zeitstempel reichen für die Audit-Beweiskette.
  • Operateure scannen nicht selbst. Das tut die OP-Pflege. Akzeptanz wäre niedriger gewesen, wenn der Operateur selbst aktiv werden müsste.
  • Pathologie-Schichtsystem: alle drei Annahme-Personen müssen Hemostat-User sein. Vergessenes Anmelden vor der Schicht war anfangs Reibungspunkt.

Was im Abschlussbericht steht

  • Eingangs-Median-Zeit als KPI etabliert
  • Schwachstelle Bauteil B identifiziert und mit Investitionsentscheidung adressiert
  • ISO-15189-Audit-Beleg deutlich verbessert
  • Empfehlung: Rollout auf weitere Schnittstellen (z. B. Histologie-Routine, Zytologie-Annahme aus ambulanten Bereichen)

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